Mittwoch, 27. November 2013

Buchvorstellung: "Lust ohne Last" von Prof. Dr. Phil. Robert Jütte

Hallo meine Lieben ;)


Heute möchte ich euch ein sehr interessantes Buch vorstellen, welches ich mit Begeisterung gelesen habe. 

Ein Thema, welches uns alle betrifft, stellt die Empfängnisverhütung dar.

Der Medizinhistoriker Robert Jütte hat in seinem Buch  
"Lust ohne Last - Geschichte der Empfängnisverhütung" 
einen umfangreichen Überblick geschaffen, welcher zeigt, dass die Menschen zu allen Zeitpunkten in der Geschichte versucht haben unerwünschten Nachwuchs zu verhindern. 

In vier Kapiteln wird chronologisch die Antike, das Mittelalter, die Frühneuzeit und zu guter Letzt das 19. und 20. Jahrhundert behandelt. Das Buch beschäftigt sich vor allem mit den Gründen, dem Ausmaß und den Mitteln warum und unter welchen religiösen Gründen und moralischen Vorbehalten der Nachwuchs verhindert wurde.

Schon Aristoteles hatte die Meinung, dass man die Bevölkerungszahl begrenzen müsse. Dadurch würden die Bürger des Staates nicht verarmen. Möglicherweise wurde bereits zu jener Zeit Verhütung und auch Abtreibung geduldet. Durch historische Quellen erfahren wir heute, dass die antiken Stadtstaaten nach verlorenen Kriegern oder Seuchen das Bevölkerungswachstum gerne angeregt hatten. Derartige bevölkerungspolitische Maßnahmen haben jedoch damals wenig bewirkt. Der Medizinhistoriker Robert Jütte berichtet, dass schon im Römischen Reich Familien aus der Oberschicht weniger Kinder hatten als die restliche Bevölkerung. Robert Jütte behandelt ebenfalls das Verhältnis des Judentums zur Empfängnisverhütung. Dort bestand für Männer ein Fortpflanzungsgebot, jedoch war keines für Frauen bekannt. Es wird ebenfalls in diesem Buch auf die Einstellung zur Verhütung in islamischen Staaten der Geschichte und Neuzeit eingegangen. Die augustinische Sexualethik des Kirchenvaters Augustinus wirkte im Christentum bis ins 20. Jahrhundert und wurde im kanonischen Kirchenrecht aufgenommen. Bis in die Neuzeit hinein entwickelte sich somit eine scharf ablehnende Haltung gegenüber der Empfängnisverhütung. Die sittlich-moralische Bewertung der Verhütung war vor allem die Aufgabe der Kirchen. Die Verhütung wurde dann im 19. Jahrhundert zu einem Politikum. Die Beschränkungen der Geburten galten angesichts des Pauperismus zunächst als politisch wünschenswert. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts führte er im Zuge des demografischen Übergangs in allen westeuropäischen Staaten der einsetzende Geburtenrückgang zu einer veränderten Problemwahrnehmung. In Deutschland um 1900 wurde staatlicherseits mithilfe von Zensurbestimmungen gegen die Verbreitung und Bewerbung von in die Praxis längst etablierten Verhütungsformen vorgegangen. Einen trauriger und dramatischer Höhepunkt erreichte das staatliche Eingreifen in die Sphäre der Fortpflanzung durch die Zwangssterilierungen der NS- Zeit. Auch die Pionierinnen der Verhütungsberatung wie beispielsweise Margaret Sanger, Mary Stopes und Helene Stöcker und auch der Erfinder der heute bekannten chemischen und mechanischen Verhütungsmittel werden von Robert Jütte ausführlich in diesem Buch portraitiert. 

Besonders gut gefallen hat mir, dass der Autor eine trockene historische Thematik in einem interessanten und ansprechenden Stil an den interessierten Leser bringt. Das Buch bietet eine Vielzahl an Informationen und historischen Fakten. 

Resümierend ist zu sagen, dass die Empfängnisverhütung keinesfalls eine Erfindung der Neuzeit ist. Mächtige Institutionen wie Kirche und Staat oder bestimmte Berufsgruppen hatten auf die Verhütung einen großen Einfluss. Jeder wer sich fragt wie unsere Vorfahren mit der Empfängnisverhütung umgingen und welche Techniken und Moralvorstellungen hierbei vorherrschten und heute noch aktuell sind, sollte diese umfangreiche Darstellung lesen. Letztendlich wirft der Autor noch einen Blick in die Zukunft. Der Schwerpunkt des Buches liegt auf dem neuzeitlichen Europa, es werden jedoch auch unterschiedliche Kulturkreise, wie beispielsweise Amerika, China oder Indien und Weltreligionen, wie beispielsweise das Christentum, Judentum oder der Islam berücksichtigt.

Im Buch sind auch mehere themenbezogene Zeichnungen und Bilder zu finden.

 

 Das Buch verfügt über ein ausführliches Literatur- und Quellenverzeichnis bis ins Jahr 2001 und stellt eine wahre Fundgrube für jeden medizinisch interessierten Leser dar. 

Das Buch wurde vom C.H. Beck Verlag im Jahre 2003 veröffentlicht.

(ISBN 3-406-49430-7)  / ca. 14,90,-

Ich habe abschliessend für euch ein interessantes Video von "Pro 7- Galileo" gefunden, in welchem Robert Jütte über das Thema "Liebe im Mittelalter - wie war es damals wirklich?" referiert.

"Liebe im Mittelalter"

Professor Robert Jütte ist der Leiter des Instituts der Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung und Professor für Neuere Geschichte. Ich habe in meinem Studium eines der besten und interessantesten Seminare bei ihm über "Wiedergänger" belegt, welches mir noch heute in positiver Erinnerung geblieben ist. Robert Jütte ist Herausgeber der  Zeitschrift "Medizin, Gesellschaft und Geschichte", Vorstandsmitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer.

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